Freitag, 9. November 2012

der mensch in der natur oder: die natur im menschen

30. september 2012:

heute mittag stand ich, vorn übers geländer gebeugt, auf einer kleinen brücke und betrachtete ein bächlein, das unbeirrt unter mir hinwegfloss, mit gleichmäßigem, ruhigem plätschern über gestein und gestrüpp sein klares wasser jagte und, fortlaufend angetrieben von seinem unaufhörlich sprudelnden quell, sich in seinem dahinströmen von nichts stören ließ.
an den ufern beugten sich laubbäume sanft raschelnd darüber und schienen ihm zuzusehen, seinen tapferen strom zu verfolgen, so wie ich es tat, und ich hatte den wunsch, von ihrer sorte zu sein; fest verwurzelt und der sonne zugetan, zuhause für so viel leben, niemals unbeständig, immer stark und über allen zweifel am lauf der dinge erhaben. bäume nehmen nur das geringste für sich und geben so vieles her. unzählige finden zuflucht in ihnen, unter ihnen, auf ihnen, und sie nehmen es alles geduldig hin. sie geben geborgenheit und brauchen niemals selbst mehr als das wenige, das sie sich kraft ihrer eignen verwurzelung zuzuführen imstande sind. sie sind bescheiden und gütig.
das bächlein floss einfach und war so ganz eins mit sich, dass ich mir selbst wünschte, es zu sein. so wie ein bächlein, das an sich und mit sich ein ganzes und wunderbares bildet, das immerzu in ruhiger bewegtheit leben schafft und nicht vergeht; das keine fragen kennt an seinen fortlauf und dessen eigner quell ihm daseinsgrund genug ist.
als ich beobachtete, wie es so vergnüglich über die felsbrocken hinweglief, wünschte ich mir, einer von ihnen zu sein: irgendwann einmal an einen ort geraten, der sie sicher aufnahm, und seither in steter verlässlichkeit an dieser stelle geblieben, ungeachtet der wassermengen, die daran vorbeihuschten und sie benetzten, ungeachtet des windes und der tiere; einfach gleichgültig und wohl aufgehoben und stark genug, sich nicht hinforttreiben zu lassen.
und wie ich mir das alles vorstellte – ein baum zu sein, ein fels zu sein, ein bach zu sein, einfach allein und doch geborgen zu sein, von unbezwingbarer standhaftigkeit, und einen ganz eignen antrieb zu haben, mir selbst zu genügen, das erschien mir wie das größte nur denkbare glück –, schwammen unter mir zwei enten hin. ein männchen war es, und ein weibchen zu seiner linken. sie strampelten gemeinsam unerbittlich wider den strom, manchmal hintereinander, dann wieder nebeneinander, wie es die verhältnisse gerade erforderten; galt es, einen absprung zu erklimmen, kletterte der eine voran, der andre folgte ihm auf diesem wege, während der eine wartete, und sie reisten seit an seite weiter. sie ließen einander nie aus den augen und waren stets ganz nah bei sich. einmal kam ihnen ein schwerer, großer fels in die quere, wie er da unbeweglich lag, und ihre wege trennten sich plötzlich. das eine entlein schwamm zur rechten, das andere zur linken daran vorbei, jedes seinen eignen weg sich bahnend, und als sie es beide zugleich überwunden hatten, da fanden sie auf der andren seite wieder zueinander und schwammen gemeinsam gegen die unveränderliche strömung weiter an.
ich schaute ihnen bis zuletzt nach. irgendwann sah ich sie nicht mehr, denn sie waren zu zweit hinter dichtem laubwerk und letztendlich nach der flussbiegung verschwunden, doch ich wünschte mir fortan nichts sehnlicher, als eins von ihnen zu sein.

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