zeitweise
erscheint mir die selbstgenügsamkeit der menschen, mit denen ich in
berührung komme oder die mir ansonsten begegnen, wie eine krankheit,
eine regelrechte epidemie. ich bin nicht selbstgenügsam. vielleicht bin ich es einmal vor langer zeit gewesen, aber dessen könnte ich mich so schwerlich nur noch erinnern, dass ich es genauso gut auch ausschließen kann. möglich, dass es mir in erinnerung geblieben wäre, wenn ich wirklich einmal glücklich mit mir selbst gewesen wäre.
was mich am leben hält, das ist vornehmlich der wunsch, die konstitutiven momente meines daseins mit einem lieben menschen teilen zu können. alleinsein lässt meinen lebenswillen nicht selten bis auf das geringe und doch konstante fünkchen hoffnung, das mir verbleibt, restlos ersterben.
bin ich bei einem menschen, der mir aufrichtig am herzen liegt, empfinde ich freude nur beim geringsten schon, und ich kann so vieles, das uns umgibt und das uns berührt, schön und warm finden; ein angenehmer zustand, der mir in meiner selbstverschuldeten abgeschiedenheit allzu oft verwehrt bleibt.
und ich frage mich dann: sind nun die menschen zu beneiden, wie ich sie manchmal beneiden möchte — manchmal hasse ich sie auch dafür —, die so eigenständig für sich selbst sein können oder es gar wollen? die in sich einen antrieb bergen, der sie am morgen, wissend, was zu tun sei, aufstehen und dem tag bejahend entgegenblicken lässt? die, ganz unabhängig von anderen, genuss an ihrem leben finden? die keinen zweifel daran haben, dass ihr dasein ihnen glück bringen kann – die in sich selbst einen wert erkennen . . . ? menschen, die "eigeninitiative" ergreifen, die, wie ein freund es einmal nannte, einfach das offensichtliche tun. das offensichtlichste für mich ist, mich meiner eignen leere hinzugeben. initiative ist mir ein fremdwort. und manchmal glaube ich doch, etwas offensichtliches zu erkennen. etwas, das ich tun könnte, weil ich es könnte — oder müsste. aber ich tue nicht einmal die dinge, die ich muss; die miete überweisen, rechnungen bezahlen, unterlagen einreichen, anrufe tätigen, um einmal über alltäglichstes, allzualltäglichstes zu sprechen. angelegenheiten, die in zwei minuten schmerzlos sich erledigen ließen. ich rühre sie nicht an. die leere, die von mir besitz ergriffen hat, erstickt meinen tatendrang und mein gedächtnis. sie ist totalitär.
aber geht es mir um einen andern, so bin ich bereit, all meine kraft zu geben. einen menschen glücklich machen, das ist wiederum für mich das größte nur denkbare glück.
oder
sind diese so eigenständigen doch im grunde bloß jammervolle gestalten, bemitleidenswert, weil ihnen so viel
nur an ihrer sache liegt, dass ein andrer mensch für sie niemals genauso
wichtig wäre wie ihr eignes leben? sind sie nicht besonders arm,
indem sie eine ganze einheit bloß mit sich selbst und ohne einen andren bilden? indem sie durchaus individuen im wörtlichsten darstellen: einzelwesen. in dem sinne würde ich von mir als einem dividuum sprechen; als einem wesen, das zwangsläufig ein geteiltes ist und das nur durch das verhältnis zu einem andren menschen vollständig sich fühlen könnte.
diese menschen, die ihre existenz nach ihren eignen "regeln" zu gestalten wünschen und denen am meisten an der umsetzung ihres eignen willens gelegen ist; die erfolg haben, indem sie hartnäckig hinter ihrer sache bleiben, bis sie am ende etwas durchgesetzt haben — einerseits sehne ich mich auch nach solchem selbstbewusstsein, auf der anderen seite verachte ich die konsequenz, mit der die dinge verlangt und erreicht werden. für mich liegt das glück nicht in der vollführung meiner verhärteten vorstellungen, sondern in der synthese zweier lebensformen. indem einer versucht, nur sich selbst zu "verwirklichen", verwirklicht er doch am ende gar nichts nützliches, weil die besessenheit von der vorstellung, sich durchzusetzen, die fähigkeit zur reflexion und somit zur weiterentwicklung ausschließt, und bleibt übrig als ein von den anderen verschiedener; während die zusammenführung von zwei seelen immer ein gemeinschaftliches hervorbringt.
wahres glück finden manche von uns vielleicht wirklich nicht in sich selbst.
brecht erkennt:
diese menschen, die ihre existenz nach ihren eignen "regeln" zu gestalten wünschen und denen am meisten an der umsetzung ihres eignen willens gelegen ist; die erfolg haben, indem sie hartnäckig hinter ihrer sache bleiben, bis sie am ende etwas durchgesetzt haben — einerseits sehne ich mich auch nach solchem selbstbewusstsein, auf der anderen seite verachte ich die konsequenz, mit der die dinge verlangt und erreicht werden. für mich liegt das glück nicht in der vollführung meiner verhärteten vorstellungen, sondern in der synthese zweier lebensformen. indem einer versucht, nur sich selbst zu "verwirklichen", verwirklicht er doch am ende gar nichts nützliches, weil die besessenheit von der vorstellung, sich durchzusetzen, die fähigkeit zur reflexion und somit zur weiterentwicklung ausschließt, und bleibt übrig als ein von den anderen verschiedener; während die zusammenführung von zwei seelen immer ein gemeinschaftliches hervorbringt.
wahres glück finden manche von uns vielleicht wirklich nicht in sich selbst.
brecht erkennt:
die kleinste gesellschaftliche einheit ist nicht der mensch, sondern zwei menschen.
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