europäische intellektuelle wie ich sind geneigt, den begriff der anpassung, des adjustment, bloß als negativum, als auslöschung der spontaneität, der autonomie des einzelnen menschen anzusehen. es ist aber eine von goethe und hegel scharf kritisierte illusion, daß der prozeß der vermenschlichung und kultivierung sich notwendig und stets von innen nach außen abspiele. er vollzieht sich, wie hegel es nannte, auch und gerade durch »entäußerung«. wir werden nicht dadurch freie menschen, daß wir uns selbst, nach einer scheußlichen phrase, als je einzelne verwirklichen, sondern dadurch, daß wir aus uns herausgehen, zu anderen in beziehung treten und in gewissem sinn an sie uns aufgeben. dadurch erst bestimmen wir uns als individuen, nicht indem wir uns wie pflänzchen mit wasser begießen, um allseitig gebildete persönlichkeiten zu werden. ein mensch, der unter äußerem zwang, ja durch sein egoistisches interesse zur freundlichkeit gebracht wird, gelangt am ende eher zu einer gewissen humanität in seinem verhältnis zu anderen menschen als jemand, der nur, um mit sich selbst identisch zu sein – als ob diese identität immer wünschbar wäre –, ein bösartiges, vermuffeltes gesicht macht und einem von vornherein bedeutet, man sei für ihn eigentlich nicht vorhanden und habe in seine innerlichkeit, die vielfach gar nicht existiert, nichts hineinzureden. wir sollten hierzulande uns bemühen, nicht selber, indem wir über die amerikanische oberflächlichkeit uns entrüsten, unsererseits oberflächlich und undialektisch uns zu verhärten.
theodor w. adorno, kulturkritik und gesellschaft II
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