„sage mir: was ist für dich das höchste glück auf erden?“
„freiheit!“
„freiheit ist aber doch ein recht weitläufiger begriff, oder etwa nicht?“
„absolute freiheit!“
„da verlangst du sehr viel.“
„ich möchte nur tun, wonach mir der sinn steht.“
„wonach dir der sinn steht? also steht das, was du tust, unter dem einfluss deines sinnes?“
„natürlich.“
„aber ist es dann frei?“
„ja, es wäre mein freier wille.“
„ist dein wille denn frei, wenn er [zu] dir gehört?“
„es soll doch nicht mein wille frei sein: ich will frei sein!“
„frei wovon?“
„frei von allem[n]!“
„also: frei von herrschaft, frei von ärger, frei von unterdrückung?“
„frei von allem.“
„also auch frei von licht und dunkelheit, frei von wärme und kälte, frei von nässe und trockenheit, frei vom luftdruck, frei von der gravitation, frei vom sauerstoff, frei vom durst, frei vom hunger?“
„das sind doch alles ganz natürliche umstände.“
„ja, aber du bist abhängig von ihnen.“
„du hast wohl recht. dann möchte ich aber dennoch frei von herrschaft und unterdrückung sein.“
„also willst du über dich selbst bestimmen können?“
„ja.“
„indem du über dich selbst bestimmst: bist du dann noch frei? indem du entscheidungen triffst über das, was mit dir geschehen solle, bist du dann noch frei?“
„ja, ich sprach doch von meinem freien willen.“
„und was ist mit den auswirkungen der dinge, die du für dich bestimmtest? davon wärst du nicht frei.“
„ja. aber dennoch wäre ich frei, etwas zu tun.“
„aber frei vom ursprung, dem ablauf und den auswirkungen dieses tuns wärst du nicht, nicht wahr?“
„das ist richtig.“
„also wärst du gar nicht absolut frei.“
„das ist wohl wahr. aber kann ich denn dann überhaupt zu freiheit gelangen?“
„streng genommen: nein. du wünschtest dir die absolute freiheit, und wir haben herausgefunden, dass absolute freiheit nicht möglich ist, denn für dinge gilt genau dasselbe wie für lebewesen: sie sind umständen ausgesetzt, nach denen sie sich entwickeln und zu denen sie ein bestimmtes verhältnis haben.“
„also ist jemand [etwas], der [das] ein verhältnis zu jemand [etwas] anderem hat, schon grundsätzlich nicht wirklich frei?“
„ganz recht. im grunde ist er [es] sogar gänzlich unfrei.“
„gänzlich? aber er hat doch immer noch die freiheit, dieses oder jenes zu tun?“
„nein, eher umgekehrt: er ist unfrei, etwas oder ein anderes zu tun.“
„das heißt: sobald ich eine freiheit nur im geringsten einschränke,…“
„…kehrt sie sich in ihr gegenteil — unfreiheit — um, ja!“
„soll das heißen, es gibt gar keine freiheit?“
„das ist richtig: sobald etwas existiert, ist es an gegebenheiten gebunden, die einerseits seine existenz ermöglichen und fördern, und andererseits wiederum an solche, die seiner freien entfaltung im wege stehen.“
„also könnte etwas, das absolut frei wäre, gar nicht existieren?“
„das hast du richtig erkannt: etwas, das absolut frei wäre, hätte bereits keinen ursprung außer sich selbst. hätte es einen anderen ursprung, dann stünde es zu diesem schon in einem bestimmten verhältnis und wäre somit nicht mehr frei [von allem, also: absolut]. es müsste sich also selbst erschaffen, und dazu müsste es bereits existieren. aber etwas, das sich erst selbst erschaffen müsste, um zu existieren — absurd!“
„also könnte es freiheit tatsächlich überhaupt nicht geben?“
„gewissermaßen könnte es sie doch geben: aber dass es absolute freiheit gäbe, setzte voraus, dass wir weder daran dächten noch davon sprächen, denn indem wir darüber nur nachdenken, machen wir das prinzip absoluter freiheit unmöglich.“
„indem wir also der freiheit einen begriff und eine definition geben, schränken wir sie schon ein, selbst wenn diese definition lautet, dass freiheit bedeute, dass etwas frei von allem sei?“
„ja: indem wir ein wort für etwas erfinden, assoziieren wir auch eigenschaften damit, oder andersherum. und indem wir dies tun, schränken wir das, worüber wir nachdenken, das wir schon einschränken, da wir nur darüber nachdenken, ein, und machen es sogleich unfrei, denn wir bauen ein verhältnis dazu auf, bilden uns ein urteil, und mischen uns dadurch hinein.“
„also dürfte freiheit nicht wahrgenommen werden, um existieren zu können?“
„so ist es.“
„ich verstehe.“
„was wäre nun das höchste glück auf erden für dich? — ich hoffe doch nicht, nicht wahrgenommen zu werden!“
„ha! das wäre wahrlich großes unglück!“
„in der tat, das wäre es. nun sag: was wäre es dann?“
„nun frage ich mich, ob wir, wenn es keine freiheit gibt, überhaupt glücklich sein können?“
„wenn ich dich zu beginn gefragt hätte: ‚was wäre für dich, außer der freiheit, das größte glück auf erden?‘, hättest du mir dann gesagt, dass einzig und allein die freiheit die voraussetzung wäre für dein glück?“
„ich hätte dir gesagt: die freundschaft.“
„und dem möchtest du nun widersprechen?“
„jetzt, wo ich weiß, dass wir unfrei sind, und ständig darüber nachdenken werde: ja.“
„es gäbe also nun nichts mehr, was dich glücklich machen könnte?“
„vielleicht: frei vom verstand zu sein.“
Dienstag, 4. Dezember 2012
freiheit
ein kleiner dialog aus dem jahre 2010.
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