Dienstag, 20. November 2012

endlich

als ich vorhin an der straßenbahnhaltestelle saß, erblickte ich durch den dicht gewordenen nebel, der die allgemeine sicht merklich eintrübte, eine plumpe gestalt auf mich zuwaten — oder mindestens in meine richtung. gut und gerne zehn meter von mir entfernt blieb sie stehen. es war ein älterer mann, unauffällig gekleidet mit dunkelroter regenjacke, und eine sowjetrote baseballmütze trug er. hätte er nicht das eine und andre mal genau zu mir zu sehen den anschein gemacht und hätte das nicht den eindruck einer gewissen verstohlenheit erweckt, wäre er mir vielleicht gar nicht im besonderen aufgefallen, denn es war nichts charakteristisches an ihm. er kramte unaufhörlich mit seiner rechten in der jackentasche auf derselben seite herum, manchmal drehte er sich dann der richtung zu, in der ich auf einer bank hockte.
ich stand auf und wendete mich ab von ihm. nicht, dass er mir angst eingejagt hätte — und dennoch kam mir ein sehr merkwürdiger gedanke, den gehabt zu haben mir nun keine rechte ruhe lassen mag:
ich dachte mir, ohne die geringste vermutung nur zu haben, woher diese aberwitzige fantasie sich gesponnen haben mochte, wenn er nun aus seiner tasche eine pistole herausholte und mir damit eine patrone durch den rücken jagte, dann wäre es mir wohl gleich. ich fühlte mich meinem eignen dasein in diesem moment der verlorenheit so fremd und beinah schon abgeneigt, dass ich mich ertappte, wie ich dabei ein einziges wort bloß dachte: endlich. und mit dem gedanken daran durchströmte mich ein unsagbares gefühl der erlösung, ein gefühl der absoluten gleichgültigkeit, und daher der glückseligkeit.
ich habe in den vergangenen monaten nicht selten das bedürfnis verspürt, fast die notwendigkeit zu erkennen geglaubt, meinem leben ein ende setzen zu müssen, denn ich war der ansicht, bedeutungslos nicht bloß für alle andren, sondern auch für mich selbst zu sein.
wirklich umsetzen wollte ich es wohl nicht, und daran hat sich bis jetzt anscheinend nichts geändert.
aber diese spinnerei von meinem eignen sterben gehabt und dabei nicht angst, sondern gar eine außerordentliche befreiung verpürt zu haben, das beunruhigt mich in einer bestimmten weise.

1 Kommentar:

  1. Vom Grundzug her das gleiche Erlebnis hatte ich vor wenigen Monaten und ich kann gut nachvollziehen, was du fühlst.
    Gerade vor wenigen Tagen habe ich unter der Dusche wieder daran denken müssen, inwiefern ich mich dadurch vielleicht verändert habe. Ich bin noch zu keinem wirklichen Schluss gekommen, aber ich finde, es ist traurig, wenn man selbst erkennen muss, dass man so wenig am Leben findet, dass es einem gleichgültig ist. Der Gedanke ist traurig und befreiend zugleich.

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