Montag, 19. November 2012

virtuose bescheidenheit

nach einem klavierabend mit grigorij sokolov, dem sanften leningrader virtuosen...
glasperlenklares spiel, das trotz seiner durchsichtigkeit unendlich tiefgründig ist und erfüllt von unsagbarer wärme.
kein eitler pathos, kein tragischer held; bloß ein zurückhaltender, untersetzter mann, der sich unscheinbar verbeugt und dann geschwind platz nimmt.
seine körpersprache ist aufs äußerste reduziert; er ist keiner von den animalischen gestikulierern und fratzenziehern. wenn er nicht seinen frack trüge, dann würde ihm auch aufs erste vielleicht gar nichts künstlerisches ins gesicht stehen.
doch er hat auch keinen grund zum exaltierten: sein spiel ist so hochkonzentriert und so sensibel, dass jedes schauspielerische element von vornherein ausgeschlossen ist; wo andre ihren körper sanft zum schwulstigen rubato wiegen und sehnsüchtig ihren blick — vorausgesetzt, die kameraposition stimmt — durch die ferne schweifen lassen, ist ihm kaum eine regung anzumerken. er spielt einfach und nimmt sich äußerlich dabei in bemerkenswertem maße zurück.
und wie er spielt! —
ein schier unendlicher vorrat an dynamischen abstufungen, vom zartesten windhauch zum wütenden wirbelsturm; sagenhafte klangfarbenvielfalt. raumeau spielt er, als säße er am cembalo — so einfallsreich "registriert" er. und erst diese triller. seine triller sind wie liebliche, warme küsse auf rosiger haut. die virtuosen passagen nimmt er ohne dramaturgische nebeneffekte, ganz als wäre es ihm unangenehm, dass er sie überhaupt beherrscht. — aber nicht, dass er unsouverän am instrument erschiene, gott bewahre, nein. er macht aus sich bloß keine billige zirkusattraktion. jeder ton stellt die exquisität seiner kunst aufs deutlichste heraus.
hinzu kommt, dass er nicht den typischen virtuosen gibt mit liszt-etüden und chopin-balladen. nein. er eröffnet mit einer rameau-suite, fährt fort mit einer mozart-sonate und endet bei beethovens monumentaler hammerklaviersonate. sechs zugaben spielt er außerdem, davon sind die wenigsten wirklich schwere literatur, doch allesamt eindrucksvoll berührend interpretiert.
sokolovs virtuosität liegt nicht bloß in der brillianten technik, sondern der ganze facettenreichtum seines spiels ist so bestechend, so beeindruckend — diese klare, differenzierte und doch zusammenfließende artikulation ist eine wahre besonderheit —, und gerade an den kleinen formen offenbart sich seine gesamte musikalität. nur die größten musiker vermögen, noch die kleinsten werke zur zugabe zu spielen und selbst dabei noch eine ungeahnte musikalische tiefe zu erreichen.
als die menschen wild applaudieren, jubeln, gar schon brüllen vor begeisterung, von ihren polstern aufspringen, da verbeugt er sich schüchtern, als wäre ihm seine ganze genialität peinlich, und rauscht schnurgerade von der bühne.



2 Kommentare:

  1. Total toller Text <3 Hat mich echt bewegt. Werde dir folgen!!!
    Mich stört nur die vernachlässigte Groß- und Kleinschreibung und ein Link wäre toll gewesen!

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  2. ich danke dir sehr, deine worte freuen mich.
    das mit der groß- und kleinschreibung habe ich mir irgendwann mal so angewöhnt; in den wenigsten fällen ist es inhaltlich entscheidend, ob ein wort groß oder klein geschrieben wird.
    was für einen link meinst du denn? war das video, das ich gepostet hatte, nicht sichtbar? ich habe es jetzt mal von meinem computer aus hochgeladen.

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