nach einem klavierabend mit grigorij sokolov, dem
sanften leningrader virtuosen...
glasperlenklares spiel, das trotz seiner
durchsichtigkeit unendlich tiefgründig ist und erfüllt von
unsagbarer wärme.
kein eitler pathos, kein tragischer held; bloß ein
zurückhaltender, untersetzter mann, der sich unscheinbar verbeugt
und dann geschwind platz nimmt.
seine körpersprache ist aufs äußerste reduziert;
er ist keiner von den animalischen gestikulierern und fratzenziehern.
wenn er nicht seinen frack trüge, dann würde ihm auch aufs erste
vielleicht gar nichts künstlerisches ins gesicht stehen.
doch er hat auch keinen grund zum exaltierten: sein
spiel ist so hochkonzentriert und so sensibel, dass jedes
schauspielerische element von vornherein ausgeschlossen ist; wo andre
ihren körper sanft zum schwulstigen rubato wiegen und sehnsüchtig
ihren blick — vorausgesetzt, die kameraposition stimmt — durch
die ferne schweifen lassen, ist ihm kaum eine regung anzumerken. er
spielt einfach und nimmt sich äußerlich dabei in bemerkenswertem
maße zurück.
und wie er spielt! —
ein schier unendlicher vorrat an dynamischen
abstufungen, vom zartesten windhauch zum wütenden wirbelsturm;
sagenhafte klangfarbenvielfalt. raumeau spielt er, als säße er am
cembalo — so einfallsreich "registriert" er. und erst
diese triller. seine triller sind wie liebliche, warme küsse auf
rosiger haut. die virtuosen passagen nimmt er ohne dramaturgische
nebeneffekte, ganz als wäre es ihm unangenehm, dass er sie überhaupt
beherrscht. — aber nicht, dass er unsouverän am instrument
erschiene, gott bewahre, nein. er macht aus sich bloß keine billige
zirkusattraktion. jeder ton stellt die exquisität seiner kunst aufs
deutlichste heraus.
hinzu kommt, dass er nicht den typischen virtuosen
gibt mit liszt-etüden und chopin-balladen. nein. er eröffnet mit
einer rameau-suite, fährt fort mit einer mozart-sonate und endet bei
beethovens monumentaler hammerklaviersonate. sechs zugaben spielt er
außerdem, davon sind die wenigsten wirklich schwere literatur, doch allesamt eindrucksvoll berührend interpretiert.
sokolovs virtuosität liegt nicht bloß in der
brillianten technik, sondern der ganze facettenreichtum seines spiels
ist so bestechend, so beeindruckend — diese klare, differenzierte
und doch zusammenfließende artikulation ist eine wahre besonderheit
—, und gerade an den kleinen formen offenbart sich seine gesamte
musikalität. nur die größten musiker vermögen, noch die kleinsten
werke zur zugabe zu spielen und selbst dabei noch eine ungeahnte
musikalische tiefe zu erreichen.
als die menschen wild applaudieren, jubeln, gar
schon brüllen vor begeisterung, von ihren polstern aufspringen, da
verbeugt er sich schüchtern, als wäre ihm seine ganze genialität
peinlich, und rauscht schnurgerade von der bühne.
Total toller Text <3 Hat mich echt bewegt. Werde dir folgen!!!
AntwortenLöschenMich stört nur die vernachlässigte Groß- und Kleinschreibung und ein Link wäre toll gewesen!
ich danke dir sehr, deine worte freuen mich.
AntwortenLöschendas mit der groß- und kleinschreibung habe ich mir irgendwann mal so angewöhnt; in den wenigsten fällen ist es inhaltlich entscheidend, ob ein wort groß oder klein geschrieben wird.
was für einen link meinst du denn? war das video, das ich gepostet hatte, nicht sichtbar? ich habe es jetzt mal von meinem computer aus hochgeladen.