Mein lieber Freund,
ich schreibe Dir, weil es Dich, wie Du
weißt, nicht gibt. Daher kann ich alles ausführen, ohne befürchten
zu müssen, Dich zur Sorge um meine womöglich irrwitzigen
Befindlichkeiten zu verleiten und Dich infolgedessen von
Wesentlicherem abzuhalten.
Heute habe ich einen Abend mit und bei
Freunden zu Haus verbracht, und es war ehrlich nett und freudvoll für
alle — mich
ausgenommen.
Ich bin vor wenigen Minuten erst von dort zurückgekehrt und habe mich umgehend, getrieben von entsetzlicher Verzweiflung, die mich schlussendlich auch aus dem vertrauten Hause jagte, ans Schreiben gemacht, und ich spüre bereits nach diesen wenigen belanglosen Worten (und vielleicht wird, was ich schreibe, im Verlaufe dieses Briefes auch nicht bedeutungsvolleren Inhalt mehr annehmen – dies als Vorwegnahme!), dass ich wieder atmen kann, ohne mit jedem Zug mein Verderben mir herbei zu wünschen.
Was ich vor wenigen Wochen einmal sagte, nämlich dass ich mittlerweile glaube, nicht mich für Gesellschaft zu eignen, dies scheint sich heute ein weiteres Mal in mich beinah entzwei reißender Brutalität erwiesen zu haben:
Stell Dir nur einmal vor, es werde ein Spiel gespielt, es partizipieren sechs Personen. Hierbei handelt es sich um ein Fragespiel, ein Ratespiel der denkbar einfachsten Weise, ohne jedwede Möglichkeit, sich die Blöße zu geben, ohne das geringste Potential zur Blamage, denn es liegt nichts Persönliches darin und alles kreist um durchaus nur erdachte Rätsel, die mit geringem Aufwand leicht sich lösen lassen. Ein witziger und kurzweiliger Spaß also, der für nicht wenig Lachen sorgen konnte und somit einige Zeit vertrieb.
Kannst Du Dir vorstellen, dass dieses, ich bin geneigt zu sagen: banale Spiel mir einen äußeren wie inneren Leidensdruck erzeugte, den zu ertragen mir nur mit der angestrengtesten Disziplinierung und Konzentration möglich war? Ich habe keine sinntragende Erklärung dafür und kann Dir lediglich schildern, was ich unter den Blicken der anderen nur noch empfinden konnte, die auf mir ruhten (war es denn ein Ruhen? oder war es nicht vielmehr ein Lauern?), wenn ich „an der Reihe“ war, und mich gleichsam zu Stein erstarren ließen unter der kolossalen Stille, die den Raum einnahm: ich empfand schreckliche Furcht. Wie ein Netz sponnen sich all ihre Blicke durch den Raum und ich erlahmte, wie unverhofft und ein für allemal hineingeraten, Vorstufe zum Gefressenwerden, Tod als Gewissheit. Ich getraute mich kaum, ein Wort zu verlieren, und je zögerlicher ich wurde, umso eindringlicher gestalteten sie ihre Forderungen nach einem Fortgang der Runde. Am Ende musste ich aufgeben und kam mir unsagbar dumm vor, so als hätte ich die einfachste Rechnung des kleinen Einmaleins nicht verstanden. Man zeigte sich verständnisvoll, und ich bin sicher, man war es auch, denn ich nehme an, dass all meine Ängste, die ich entwickle, sobald ich unter Menschen bin, paranoid, neurotisch sind und ihre Ursache nicht in den real-gegenwärtigen Umständen haben.
Offensichtlich bin ich nicht nur für Gesellschaft ungeeignet, sondern auch noch für ihre Spielchen.
Ich bin vor wenigen Minuten erst von dort zurückgekehrt und habe mich umgehend, getrieben von entsetzlicher Verzweiflung, die mich schlussendlich auch aus dem vertrauten Hause jagte, ans Schreiben gemacht, und ich spüre bereits nach diesen wenigen belanglosen Worten (und vielleicht wird, was ich schreibe, im Verlaufe dieses Briefes auch nicht bedeutungsvolleren Inhalt mehr annehmen – dies als Vorwegnahme!), dass ich wieder atmen kann, ohne mit jedem Zug mein Verderben mir herbei zu wünschen.
Was ich vor wenigen Wochen einmal sagte, nämlich dass ich mittlerweile glaube, nicht mich für Gesellschaft zu eignen, dies scheint sich heute ein weiteres Mal in mich beinah entzwei reißender Brutalität erwiesen zu haben:
Stell Dir nur einmal vor, es werde ein Spiel gespielt, es partizipieren sechs Personen. Hierbei handelt es sich um ein Fragespiel, ein Ratespiel der denkbar einfachsten Weise, ohne jedwede Möglichkeit, sich die Blöße zu geben, ohne das geringste Potential zur Blamage, denn es liegt nichts Persönliches darin und alles kreist um durchaus nur erdachte Rätsel, die mit geringem Aufwand leicht sich lösen lassen. Ein witziger und kurzweiliger Spaß also, der für nicht wenig Lachen sorgen konnte und somit einige Zeit vertrieb.
Kannst Du Dir vorstellen, dass dieses, ich bin geneigt zu sagen: banale Spiel mir einen äußeren wie inneren Leidensdruck erzeugte, den zu ertragen mir nur mit der angestrengtesten Disziplinierung und Konzentration möglich war? Ich habe keine sinntragende Erklärung dafür und kann Dir lediglich schildern, was ich unter den Blicken der anderen nur noch empfinden konnte, die auf mir ruhten (war es denn ein Ruhen? oder war es nicht vielmehr ein Lauern?), wenn ich „an der Reihe“ war, und mich gleichsam zu Stein erstarren ließen unter der kolossalen Stille, die den Raum einnahm: ich empfand schreckliche Furcht. Wie ein Netz sponnen sich all ihre Blicke durch den Raum und ich erlahmte, wie unverhofft und ein für allemal hineingeraten, Vorstufe zum Gefressenwerden, Tod als Gewissheit. Ich getraute mich kaum, ein Wort zu verlieren, und je zögerlicher ich wurde, umso eindringlicher gestalteten sie ihre Forderungen nach einem Fortgang der Runde. Am Ende musste ich aufgeben und kam mir unsagbar dumm vor, so als hätte ich die einfachste Rechnung des kleinen Einmaleins nicht verstanden. Man zeigte sich verständnisvoll, und ich bin sicher, man war es auch, denn ich nehme an, dass all meine Ängste, die ich entwickle, sobald ich unter Menschen bin, paranoid, neurotisch sind und ihre Ursache nicht in den real-gegenwärtigen Umständen haben.
Offensichtlich bin ich nicht nur für Gesellschaft ungeeignet, sondern auch noch für ihre Spielchen.
Im weiteren Verlaufe des Abends war ich
schließlich kaum mehr ansprechbar und isolierte mich unbewusst und
doch gezielt von den Aktionsbildungen. Wenn man mich dann einmal zu
integrieren versuchte, so erfand ich mir einen Grund, nicht
teilnehmen zu müssen, bloß um weiter auf die kahle Wand zu starren
– die starrte wenigstens nicht zurück und gab die mir selbst
immanente Leere wieder. Einige durchaus besorgte Nachfragen
erreichten mich doch, und ich gab vor, es sei alles in Ordnung, dabei
habe ich mich in wenigen Momenten meines Lebens so einsam, so
bedeutungslos gefühlt. Meine eigene Verlogenheit lastete dabei
ebenso auf mir wie die Angst vor dem Argwohn meiner Mitmenschen:
Nicht einmal einer Aufforderung zu einem Gespräch konnte ich
nachkommen, ohne dabei von jedem Worte zu fürchten, es könnte
gerade das falsche sein. Jedes Lachen, das erschallte, erschütterte
mich bis ins Innerste, und ich fürchtete mich vor allem Ausdruck der
Freude, des Leichten wie vor einer fremden Bedrohung; und es
ängstigte mich auch die Vorstellung, ich hätte selbst einmal etwas
zu lachen, sodass mir noch das Letzte verlorenginge, meine Trauer, an
die ich mich nun als meinen treuesten Begleiter gewöhnt habe und die
ich – zugegebenermaßen – manchmal vielleicht auch aus einer
merkwürdigen Art des Stolzes heraus bewahren will.
Ganz zweifellos ist diese Einsamkeit in einem gewissen Sinne auch auserkoren, denn ich wüsste nicht, wie ich sie aufgeben sollte, ohne dabei dem meisten endgültig zu versagen, das mich doch ausmacht, in dem also mein Dasein sich gründet.
Ganz zweifellos ist diese Einsamkeit in einem gewissen Sinne auch auserkoren, denn ich wüsste nicht, wie ich sie aufgeben sollte, ohne dabei dem meisten endgültig zu versagen, das mich doch ausmacht, in dem also mein Dasein sich gründet.
Es gibt so vieles, das ich Dir noch
schreiben würde, mein Freund, aber mir gebricht die Kraft und ich
muss Schlaf suchen. Vielleicht werde ich Dir in einem späteren Brief
mehr sagen können, doch für dieses Mal soll es ausreichen.
Dein ewig zweifelnder
A. C.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen