Donnerstag, 1. August 2013

Datenträgerbereinigung / [ESC]

1.10.2012. Meine Welt bricht zusammen.

Schnitt.

1.08.2013.

Zum letzten Mal betrachte ich Deine Bilder, die ich so lange noch — zehn Monate nämlich — behalten habe, wenn auch mit dem zweifelhaften Versuch, dabei einen Schein von Unzugänglichkeit zu bewahren; sie sind allesamt Teil eines Ordners, den ich ganz schlicht nach Dir benannt habe und der im Papierkorb auf einem Netbook gelandet war, das ich ohnehin nur allzu selten benutze.

Sonst erinnert mich nichts mehr an Dich.

Außer Deinen zwei Briefen, die Du mir vor nahezu zwei Jahren geschrieben hast und die überdeutlich dokumentieren, in welchen sonderbaren Krisen unser außerordentlich ambivalentes Verhältnis bereits in den ersten zwei von vierzehn Monaten steckte und die in einer schwarzen Mappe auf der Fensterbank von Papierkram erdrückt werden.

Ich habe mich seither nicht mehr getraut, darin zu lesen. Denn Du hast wichtige Fragen gestellt, Fragen von Trauer und Hoffnung, deren Antwort ich kenne: Nein.

Auch bringe ich nicht den Mut auf, meine Sachen von Dir zurückzufordern. Dabei sind es einige Bücher und CDs, an denen mir einiges, wirklich einiges liegt. Aber die Angst ist zu groß, dass Du Dinge mitschickst, von denen ich nahezu ebenso wenig wissen will wie noch von Dir, nämlich nichts mehr.

Ich sehe Deine Fotos an. Ein letztes Mal. Und ich kann noch ganze Gespräche rekapitulieren, die an bestimmte Bilder gekoppelt sind. Manche assoziiere ich auch mit Gerüchen, wenige gar mit konkreten Gefühlen. Ich liebe das alles. Nicht Dich. Aber alles, was ich mit Dir noch verbinde.

Ein letztes Mal Dein Lächeln.

[Entf]

Sonntag, 28. Juli 2013

Ich will nur sagen, dass es mir gut geht.
Denn einige scheinen ab und an hierher zu schauen.
Und manche Kommentare, die um eine Rückkehr baten, gab es ja auch.

Ein Comeback soll dies nicht sein, ich bin ja auch nie weg gewesen. Nicht wirklich jedenfalls, und wenn dem einen oder anderen die Seite tot und zurückgelassen anmuten mag, so trügt ihn sein Eindruck einerseits nicht, andererseits ist es sie trotzdem nicht, weil ich immer wieder mal lese, was ich so gedacht und geschrieben habe.

Ich schreibe hier nicht mehr regelmäßig, weil dieser kleine Blog nur eine Art öffentlichen Tagebuchs für meine besonders kummervollen Tage sein sollte. Die habe ich hinter mir.

Es sind andere Zeiten angebrochen. 

Meine ersten Wochen und Monate in dieser Stadt waren schwer: Wenige Tage vor meinem Umzug hierher verließ mich L., meine damalige Freundin, von der ich heute nichts mehr weiß und die bis dahin mein einziger Bezugsmensch gewesen war. Mein einziges war auch das nur denkbar innigste Verhältnis zu jemandem gewesen, und als es damit im Herbst des vergangenen Jahres zu Ende ging, wusste ich nicht mehr vor noch zurück, nicht aus noch ein. Der Schmerz war unermesslich und das Schwarz unschätzbar tief. Einige Wochen später lernte ich A., eine besonders kluge und schöne Frau, kennen, die ich innerhalb kürzester Zeit sehr lieb gewann. Aber ich überstürzte die Sache wie ein Wahnsinniger — sie wies mich von sich und ich begriff es nicht. Wieder Trauer, mit der ich nicht fertig werden wollte, wieder ein Mensch, in den ich mich hoffnungslos vernarrt hatte, wieder ein Loch ohne Boden. Dann starb mein Vater kurz vor Jahresende, besser gesagt, an Weihnachten. Auch mit den Menschen an meinem Institut wurde ich nur langsam warm. Ich hatte also nirgends so wirklich Fuß gefasst und kam mir vor wie ein Einsamer, auch dann, wenn ich die Abende mit andren verbrachte.

Doch der Jahreswechsel brachte auch einen Wechsel der Dinge mit sich.

Heute arbeite ich als Hilfskraft an unserem Institut. Diese Stelle war mir im Februar angeboten worden.
Ab und an gebe ich Konzerteinführungen in einem großen Konzerthaus, manchmal halte ich Vorträge vor kleineren oder größeren Gruppen. 
Ich lese wieder mehr und kann wieder Freude an den Dingen empfinden, die eigentlich immer zentrales Element meines Daseins gewesen waren. Es ist alles wieder da, und vieles habe ich eingesehen.
Mein ganzes Leben ist nun wieder auf das gerichtet, das ich immer gewollt habe: auf die Musik, aufs Lesen, aufs Schreiben.
Selbst ein paar Freunde habe ich gefunden, die gern ihre Zeit mit mir verbringen.

Es geht mir gut und ich bin, ganz im Hegelschen Sinne, ein Mensch, "welcher [...] in seinem Dasein sich selbst genießt."


http://www.youtube.com/watch?v=nkMdPLxSaek

Dienstag, 19. März 2013

Das Projekt dieses Blogs wird vorläufig für abgeschlossen erklärt.

Mittwoch, 20. Februar 2013

Nachtlabyrinth

Nach lichten Augenblicken auf finstren Pfaden——
Ich stehe am nachtgeschwärzten Straßenrand wie ein Fels in der Brandung, alles ist still, nur die Laternen weisen unbetreten dunkle Wege ins Dort-und-nicht-hier.
Über meinem Kopfe strecken sich knorrig-starre Äste verfroren-kahler Bäume dem trüben Großstadthimmel entgegen und fangen etwas von dem Schnee auf, den der eisige Lufthauch mir auf Haar, Haut und Kleidung treibt.
Ich stehe da wie unbeweglich, dem beständigen Winde zugewandt, der mich auf seiner nie endenden Reise mit behutsamer Sänfte streift. Schneeflocken benetzen mein Gesicht und schmelzen meine Wangen hinab—Tränen gleich, die ich sowieso nicht weinen könnte, auch wenn es ein guter Moment wäre.
Zum ersten Mal fühle ich etwas wie Einverstandensein mit mir.

Danke.

Donnerstag, 14. Februar 2013

Einsamkeit III

Einsamkeit, —
das ist mir nicht nur ein Zustand des unerreichten Alleinseins unter Vielen, sondern auch der Verlorenheit vor mir selbst. — 
Ich bin ein Käfig und ein Eingeschlossener, ich sperre mich ein in mir und schmelze den Schlüssel in der ewigen Glut meiner Selbstverdammnis ein; ich rüttle mit Leibeskräften am sturen Gitter, das da ich selbst bin. — Die Gesellschaft ist meine heimelige Zuflucht, wenn ich mir so oft zu entkommen suche, und mein frostiges Verlies zugleich, wenn niemand traulich meine Hand ergreift. — Ich bin mir selbst geheiligtes Versteck, sobald ich in Angst die Flucht ergreife vor den lauten Menschen, und doch verhasster Kerker, da ich nach nichts mehr mich sehne als nach einer lieben Seele. —
Ich bin mir selbst der Nächste, und doch der Letzte, mit dem ich sein wollte.

Dienstag, 12. Februar 2013

Lebenslauf

Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog
   Schön ihn nieder; das Leid beugt ihn gewaltiger;
      So durchlauf ich des Lebens
         Bogen und kehre, woher ich kam.
 Friedrich Hölderlin

Sonntag, 10. Februar 2013

Aufforderung zum Tanz

Hier sitzend, mir selbst und wohl auch anderen einmal mehr unter Beweis gestellt habend, dass ich nicht willens und vermutlich auch nicht fähig bin, an dem Leben teilzuhaben, wie es die Menschen in meinem Alter für gewöhnlich führen, getraue ich mich nicht einmal, mich schlafen zu legen, denn ich weiß: es wird ein neuer Tag anbrechen, an welchem mir zum wiederholten Male offenbar werden wird, wie wenig mit mir anzufangen ist und wie einsam ich ein Dasein führe, das den Ansprüchen gerecht wird, die ich an mich stelle.
Selbst die vermeintlich lebendigste Gesellschaft löst nicht die kontinuierliche Verflechtung meiner Gedanken auf, die mich davon abhalten, dem mich einfach hinzugeben, das die Leute so gern »frei sein« nennen und worin ich doch nur Unfreiheit und Starrheit begreife — vermeintlich lebendig ist diese Gesellschaft, weil sich doch keine Entwicklung vollführt. In einer gleichsam ekstatischen Reproduktion des Immergleichen entsteht eine Bewegung, welche nach außen vital sich gibt und die doch so starr ist, weil kaum gesprochen wird und weil sie der fortwährenden Wiederaufbereitung des bereits Gewesenen bedarf, um nicht im Sog der Zeit hoffnungslos zu versanden.
In der impliziten Forderung des unendlichen Bewegungsflusses ist zugleich das Verbot des Denkens als eines durchwegs Negativen angelegt, so als wäre das Denken selbst jenes gesellschaftliche Übel, das es auszumerzen gälte und welches als einziges die Menschen um ihr Glück brächte, das sie in den Tanzlokalen schweißtreibend sich zurückerobern müssten.
 
Der stete Drang zur Wiederholung des Unabänderlichen bedeutet Regression jener Spontaneität, welche die Menschen eigentlich zu freien machte, wenn sie ihrer habhaft würden.
»Fun ist ein Stahlbad.«*

*Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt a. M. 1969, S. 149.

Donnerstag, 7. Februar 2013

Perpetua melancholia

Heute ist alles grau.
Und dies nicht etwa, weil wir eingespannt sind zwischen dem Oben und Unten, wo dem von grauen Wolken verhangenen Himmel von Zeit zu Zeit ein Flöcklein entrinnt, um sogleich auf dem grauen Asphalt zu vergehen, und auch nicht wegen des Rauchs aus den Schloten und Auspuffen; selbst die Stein- und Stahlkolosse der großen Stadt nehmen es nicht auf mit dem Grau, das mir den Blick ungnädig eintrübt. —
Es ist sogleich nach dem Aufstehen, das ich nur mit größter Mühe über mich bringe, dass mir mein Leben unwert vorkommt. Nicht nur nach der vergangenen Nacht mit Freunden, da alle sich amüsiert haben, nur ich nicht, sondern es ist eine Tristheit, die keinen konkreten Gegenstand kennt und die sich scheinbar beständig selbst reproduziert.
Dies ihr Unaufhaltsames ist mir ebenso großes Rätsel wie Leiden. Das Verhältnis zu meiner Trauer scheint ein dialektisches. Zwar ist sie ein integraler Bestandteil meines Daseins, doch ihre Prinzipien, so sie denn welchen folgt, sind mir so unklar wie kaum etwas Zweites. Sie ist mir das Vertrauteste und das Fremdeste zugleich; ich trage sie ständig mit mir und kann sie nicht fassen; sie ist stets präsent und doch ungreifbar-unbegreiflich; ihre Idiosynkrasie ist ihre Zweideutigkeit, mein Unverständnis ihr erhaltendes Moment.


grau—
     sam. . .

Erster Brief

Mein lieber Freund,

ich schreibe Dir, weil es Dich, wie Du weißt, nicht gibt. Daher kann ich alles ausführen, ohne befürchten zu müssen, Dich zur Sorge um meine womöglich irrwitzigen Befindlichkeiten zu verleiten und Dich infolgedessen von Wesentlicherem abzuhalten.
Heute habe ich einen Abend mit und bei Freunden zu Haus verbracht, und es war ehrlich nett und freudvoll für alle — mich ausgenommen.
Ich bin vor wenigen Minuten erst von dort zurückgekehrt und habe mich umgehend, getrieben von entsetzlicher Verzweiflung, die mich schlussendlich auch aus dem vertrauten Hause jagte, ans Schreiben gemacht, und ich spüre bereits nach diesen wenigen belanglosen Worten (und vielleicht wird, was ich schreibe, im Verlaufe dieses Briefes auch nicht bedeutungsvolleren Inhalt mehr annehmen – dies als Vorwegnahme!), dass ich wieder atmen kann, ohne mit jedem Zug mein Verderben mir herbei zu wünschen.
Was ich vor wenigen Wochen einmal sagte, nämlich dass ich mittlerweile glaube, nicht mich für Gesellschaft zu eignen, dies scheint sich heute ein weiteres Mal in mich beinah entzwei reißender Brutalität erwiesen zu haben:
Stell Dir nur einmal vor, es werde ein Spiel gespielt, es partizipieren sechs Personen. Hierbei handelt es sich um ein Fragespiel, ein Ratespiel der denkbar einfachsten Weise, ohne jedwede Möglichkeit, sich die Blöße zu geben, ohne das geringste Potential zur Blamage, denn es liegt nichts Persönliches darin und alles kreist um durchaus nur erdachte Rätsel, die mit geringem Aufwand leicht sich lösen lassen. Ein witziger und kurzweiliger Spaß also, der für nicht wenig Lachen sorgen konnte und somit einige Zeit vertrieb.
Kannst Du Dir vorstellen, dass dieses, ich bin geneigt zu sagen: banale Spiel mir einen äußeren wie inneren Leidensdruck erzeugte, den zu ertragen mir nur mit der angestrengtesten Disziplinierung und Konzentration möglich war? Ich habe keine sinntragende Erklärung dafür und kann Dir lediglich schildern, was ich unter den Blicken der anderen nur noch empfinden konnte, die auf mir ruhten (war es denn ein Ruhen? oder war es nicht vielmehr ein Lauern?), wenn ich „an der Reihe“ war, und mich gleichsam zu Stein erstarren ließen unter der kolossalen Stille, die den Raum einnahm: ich empfand schreckliche Furcht. Wie ein Netz sponnen sich all ihre Blicke durch den Raum und ich erlahmte, wie unverhofft und ein für allemal hineingeraten, Vorstufe zum Gefressenwerden, Tod als Gewissheit. Ich getraute mich kaum, ein Wort zu verlieren, und je zögerlicher ich wurde, umso eindringlicher gestalteten sie ihre Forderungen nach einem Fortgang der Runde. Am Ende musste ich aufgeben und kam mir unsagbar dumm vor, so als hätte ich die einfachste Rechnung des kleinen Einmaleins nicht verstanden. Man zeigte sich verständnisvoll, und ich bin sicher, man war es auch, denn ich nehme an, dass all meine Ängste, die ich entwickle, sobald ich unter Menschen bin, paranoid, neurotisch sind und ihre Ursache nicht in den real-gegenwärtigen Umständen haben.
Offensichtlich bin ich nicht nur für Gesellschaft ungeeignet, sondern auch noch für ihre Spielchen.
Im weiteren Verlaufe des Abends war ich schließlich kaum mehr ansprechbar und isolierte mich unbewusst und doch gezielt von den Aktionsbildungen. Wenn man mich dann einmal zu integrieren versuchte, so erfand ich mir einen Grund, nicht teilnehmen zu müssen, bloß um weiter auf die kahle Wand zu starren – die starrte wenigstens nicht zurück und gab die mir selbst immanente Leere wieder. Einige durchaus besorgte Nachfragen erreichten mich doch, und ich gab vor, es sei alles in Ordnung, dabei habe ich mich in wenigen Momenten meines Lebens so einsam, so bedeutungslos gefühlt. Meine eigene Verlogenheit lastete dabei ebenso auf mir wie die Angst vor dem Argwohn meiner Mitmenschen: Nicht einmal einer Aufforderung zu einem Gespräch konnte ich nachkommen, ohne dabei von jedem Worte zu fürchten, es könnte gerade das falsche sein. Jedes Lachen, das erschallte, erschütterte mich bis ins Innerste, und ich fürchtete mich vor allem Ausdruck der Freude, des Leichten wie vor einer fremden Bedrohung; und es ängstigte mich auch die Vorstellung, ich hätte selbst einmal etwas zu lachen, sodass mir noch das Letzte verlorenginge, meine Trauer, an die ich mich nun als meinen treuesten Begleiter gewöhnt habe und die ich – zugegebenermaßen – manchmal vielleicht auch aus einer merkwürdigen Art des Stolzes heraus bewahren will.
Ganz zweifellos ist diese Einsamkeit in einem gewissen Sinne auch auserkoren, denn ich wüsste nicht, wie ich sie aufgeben sollte, ohne dabei dem meisten endgültig zu versagen, das mich doch ausmacht, in dem also mein Dasein sich gründet.

Es gibt so vieles, das ich Dir noch schreiben würde, mein Freund, aber mir gebricht die Kraft und ich muss Schlaf suchen. Vielleicht werde ich Dir in einem späteren Brief mehr sagen können, doch für dieses Mal soll es ausreichen. 

Dein ewig zweifelnder
A. C.

Dienstag, 29. Januar 2013

nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen! 
hab ich die kraft dich anzuziehn besessen, 
so hatt ich dich zu halten keine kraft. 
in jenem sel'gen augenblicke
ich fühlte mich so klein, so groß; 
du stießest grausam mich zurücke, 
ins ungewisse menschenlos. 
wer lehret mich? was soll ich meiden? 
soll ich gehorchen jenem drang?
ach! unsre taten selbst, so gut als unsre leiden, 
sie hemmen unsres lebens gang.
j. w. goethe, faust. der tragödie erster teil

Montag, 28. Januar 2013

der zweifler

der mensch, [...], der nicht wenigstens im leben einmal volle lautre schönheit in sich fühlte, wenn in ihm die kräfte seines wesens, wie die farben am irisbogen, in einander spielten, der nie erfuhr, wie nur in stunden der begeisterung alles innigst übereinstimmt, der mensch wird nicht einmal ein philosophischer zweifler werden, sein geist ist nicht einmal zum niederreißen gemacht, geschweige denn zum aufbaun. denn glaubt es mir, der zweifler findet darum nur in allem, was gedacht wird, widerspruch und mangel, weil er die harmonie der mangellosen schönheit kennt, die nie gedacht wird.
friedrich hölderlin, hyperion

Montag, 21. Januar 2013

auf der flucht

wem suche ich bloß zu entkommen?
mindestens ist da nichts und niemand, mit dem ich es lange mehr aushielte.
so oft, wenn sich der eindruck meiner bemächtigt, mein zustand habe auf eine wie auch immer geartete weise sich endlich normalisiert, breche ich ein.
woran mangelt es dem, der selbst sich versteckt vor den menschen, die einzig gut es mit ihm meinen?

Donnerstag, 10. Januar 2013

hälfte des lebens

mit gelben birnen hänget
und voll mit wilden rosen
das land in den see,
ihr holden schwäne,
und trunken von küssen
tunkt ihr das haupt
ins heilignüchterne wasser.

weh mir, wo nehm’ ich, wenn
es winter ist, die blumen, und wo
den sonnenschein,
und schatten der erde?
die mauern stehn
sprachlos und kalt, im winde
klirren die fahnen.

friedrich hölderlin

Sonntag, 9. Dezember 2012

homo faber

je mehr zeit ich mit den menschen meines umfeldes verbringe, umso deutlicher werde ich gewahr, dass ich mit vielen von ihnen eigentlich gar nicht umgehen kann.
ich hasse beiläufige anekdoten, die im nichts verschwinden und nur für eine kleine minute der langeweile für erheiterung sorgen sollen; ich hasse herumgerede über dinge, von denen man nichts weiß; ich hasse witzchen; "erlebnisse" sind mir ebenso ein graus; überhaupt sich treffen, bloß um sich zu treffen, ohne ein gemeinsames ziel zu verfolgen.
momentan genieße ich das alleinsein, denn es bedeutet mir, dass ich mich ganz und gar auf die dinge konzentrieren kann, die mich angehen. die meisten anderen menschen machen mich nervös mit ihrer lockerheit und ihrem gebot der jugendlichkeit. ich bin eben nicht in dem sinne jugendlich, wie man es von einem studenten gemeinhin erwartet. mir liegt nichts an netter atmosphäre und gemütlichkeit, schon gar nichts am tanzen und feiern, überhaupt am trinken nichts und nichts am kurzweiligen amüsement. von den meisten habe ich den eindruck, sie eigneten sich sehr gut fürs studentische leben, nicht aber fürs studieren.
vielleicht eigne ich mich nicht für gesellschaft.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

der abgerissene strick

der abgerissene strick
kann wieder geknotet werden
er hält wieder, aber
er ist zerrissen.

vielleicht begegnen
wir uns wieder,
aber da,
wo du mich verlassen hast
triffst du mich
nicht wieder. 

                                                  bertolt brecht

Dienstag, 4. Dezember 2012

freiheit

ein kleiner dialog aus dem jahre 2010.

„sage mir: was ist für dich das höchste glück auf erden?“
„freiheit!“
„freiheit ist aber doch ein recht weitläufiger begriff, oder etwa nicht?“
„absolute freiheit!“
„da verlangst du sehr viel.“
„ich möchte nur tun, wonach mir der sinn steht.“
„wonach dir der sinn steht? also steht das, was du tust, unter dem einfluss deines sinnes?“
„natürlich.“
„aber ist es dann frei?“
„ja, es wäre mein freier wille.“
„ist dein wille denn frei, wenn er [zu] dir gehört?“
„es soll doch nicht mein wille frei sein: ich will frei sein!“
„frei wovon?“
„frei von allem[n]!“
„also: frei von herrschaft, frei von ärger, frei von unterdrückung?“
„frei von allem.“
„also auch frei von licht und dunkelheit, frei von wärme und kälte, frei von nässe und trockenheit, frei vom luftdruck, frei von der gravitation, frei vom sauerstoff, frei vom durst, frei vom hunger?“
„das sind doch alles ganz natürliche umstände.“
„ja, aber du bist abhängig von ihnen.“
„du hast wohl recht. dann möchte ich aber dennoch frei von herrschaft und unterdrückung sein.“
„also willst du über dich selbst bestimmen können?“
„ja.“
„indem du über dich selbst bestimmst: bist du dann noch frei? indem du entscheidungen triffst über das, was mit dir geschehen solle, bist du dann noch frei?“
„ja, ich sprach doch von meinem freien willen.“
„und was ist mit den auswirkungen der dinge, die du für dich bestimmtest? davon wärst du nicht frei.“
„ja. aber dennoch wäre ich frei, etwas zu tun.“
„aber frei vom ursprung, dem ablauf und den auswirkungen dieses tuns wärst du nicht, nicht wahr?“
„das ist richtig.“
„also wärst du gar nicht absolut frei.“
„das ist wohl wahr. aber kann ich denn dann überhaupt zu freiheit gelangen?“
„streng genommen: nein. du wünschtest dir die absolute freiheit, und wir haben herausgefunden, dass absolute freiheit nicht möglich ist, denn für dinge gilt genau dasselbe wie für lebewesen: sie sind umständen ausgesetzt, nach denen sie sich entwickeln und zu denen sie ein bestimmtes verhältnis haben.“
„also ist jemand [etwas], der [das] ein verhältnis zu jemand [etwas] anderem hat, schon grundsätzlich nicht wirklich frei?“
„ganz recht. im grunde ist er [es] sogar gänzlich unfrei.“
„gänzlich? aber er hat doch immer noch die freiheit, dieses oder jenes zu tun?“
„nein, eher umgekehrt: er ist unfrei, etwas oder ein anderes zu tun.“
„das heißt: sobald ich eine freiheit nur im geringsten einschränke,…“
„…kehrt sie sich in ihr gegenteil — unfreiheit — um, ja!“
„soll das heißen, es gibt gar keine freiheit?“
„das ist richtig: sobald etwas existiert, ist es an gegebenheiten gebunden, die einerseits seine existenz ermöglichen und fördern, und andererseits wiederum an solche, die seiner freien entfaltung im wege stehen.“
„also könnte etwas, das absolut frei wäre, gar nicht existieren?“
„das hast du richtig erkannt: etwas, das absolut frei wäre, hätte bereits keinen ursprung außer sich selbst. hätte es einen anderen ursprung, dann stünde es zu diesem schon in einem bestimmten verhältnis und wäre somit nicht mehr frei [von allem, also: absolut]. es müsste sich also selbst erschaffen, und dazu müsste es bereits existieren. aber etwas, das sich erst selbst erschaffen müsste, um zu existieren — absurd!“
„also könnte es freiheit tatsächlich überhaupt nicht geben?“
„gewissermaßen könnte es sie doch geben: aber dass es absolute freiheit gäbe, setzte voraus, dass wir weder daran dächten noch davon sprächen, denn indem wir darüber nur nachdenken, machen wir das prinzip absoluter freiheit unmöglich.“
„indem wir also der freiheit einen begriff und eine definition geben, schränken wir sie schon ein, selbst wenn diese definition lautet, dass freiheit bedeute, dass etwas frei von allem sei?“
„ja: indem wir ein wort für etwas erfinden, assoziieren wir auch eigenschaften damit, oder andersherum. und indem wir dies tun, schränken wir das, worüber wir nachdenken, das wir schon einschränken, da wir nur darüber nachdenken, ein, und machen es sogleich unfrei, denn wir bauen ein verhältnis dazu auf, bilden uns ein urteil, und mischen uns dadurch hinein.“
„also dürfte freiheit nicht wahrgenommen werden, um existieren zu können?“
„so ist es.“
„ich verstehe.“
„was wäre nun das höchste glück auf erden für dich? — ich hoffe doch nicht, nicht wahrgenommen zu werden!“
„ha! das wäre wahrlich großes unglück!“
„in der tat, das wäre es. nun sag: was wäre es dann?“
„nun frage ich mich, ob wir, wenn es keine freiheit gibt, überhaupt glücklich sein können?“
„wenn ich dich zu beginn gefragt hätte: ‚was wäre für dich, außer der freiheit, das größte glück auf erden?‘, hättest du mir dann gesagt, dass einzig und allein die freiheit die voraussetzung wäre für dein glück?“
„ich hätte dir gesagt: die freundschaft.“
„und dem möchtest du nun widersprechen?“
„jetzt, wo ich weiß, dass wir unfrei sind, und ständig darüber nachdenken werde: ja.“
„es gäbe also nun nichts mehr, was dich glücklich machen könnte?“
„vielleicht: frei vom verstand zu sein.“

Donnerstag, 29. November 2012

novemberniederschlag



regentropfen
benetzen mein gesicht
wie die tränen, die
zu vergießen
ich mich nicht
getraue,

und spülen
bunte blätter
wie fortgeworfne träume
in den rinnstein.

und ein kalter schleier
vernebelt die zuversicht.

die pfützen,
wie stumme seen
auf dem harten asphalt,
laden zum ertränken ein.

und der wind,
der eilig reisende,
streift mich mit seinem
eisgen hauch,
wie auch der schnitter
behutsam meine hände greift.

ich bin im herbst –
ich bin der herbst.

verlorne freude

heute konnte ich mich nicht mehr dessen erinnern, das mich noch am tag zuvor glücklich gemacht hatte. ist das der letzte verlust, den einer erleiden kann? — sich der eignen freuden nicht mehr entsinnen zu können?





Freitag, 23. November 2012

alltägliche einsiedlerei

wenn ich die menschen betrachte, deren wege tag um tag sich mit meinem kreuzen oder auch bloß für eine weile neben meinem herlaufen, so stimmt es mich traurig, dass viele von ihnen darum sich bemühen, nicht zu denen, die ihnen begegnen, in beziehung treten zu müssen; ― sie machen vermuffelte gesichter und setzen sich ihre kopfhörer auf, hören musik, und ich denke, sie tun es nur allzu oft, um sich abzuschotten; um nicht die umwelt hören zu müssen, um nicht die menschen hören zu müssen, um offenbar nichts außer dem, dem sie sich ganz für sich widmen, hören zu müssen ― um unerreichbar nicht bloß zu erscheinen, sondern um es in der tat zu sein. sie schaffen sich eine sphäre des privaten, wo es kein privates gibt, und verlangen nach totaler abgrenzung, wo grenzen nicht bestehen können. das kennenlernen anderer wird verlegt aufs wochenende oder auf den späten abend; auf die dafür vorgesehenen etablissements, bars, discos, clubs, wo die geselligkeit sich proportional wohl zum alkoholpegel erhebt. diese orte, deren bestimmung terminiert ist und die als konkreter gegensatz zum arbeitsalltag begriffen zu werden haben. wo man endlich die befreiung zu erreichen glaubt, welche einem durch die arbeit versagt bleibt; ― doch indem man nur diese einteilung anerkennt von freier und unfreier zeit, erkennt man sich an als unfreies wesen und führt somit die vorstellung von der freiheit ad absurdum. indem man den eisernen rhythmus von alternierender freizeit und arbeitszeit verinnerlicht, nützt auch die größte befreiung nichts mehr, obgleich sie objektiv notwendig ist. die arbeitszeit schafft sich einen gegenpol und greift schon dadurch in ihn ein; eine freiheit gibt es nicht ohne eine unfreiheit.
die menschen also verstehen auch die zwischenmenschlichkeit als von diesem prinzip bestimmt. ― man trennt berufliches und privates, als wären es nicht zwei einander bedingende momente.
wer ihnen im alltag begegnet, den nehmen sie mindestens als konkurrenten im kampf ums ökonomische überleben wahr, den begreifen sie nicht als ein subjekt, wie sie es eins sind, sondern sie sehen in ihm wohl zunächst die gefahr der überlegenheit; daher vielleicht blicken sie einander so argwöhnisch an, und schaut einer zurück, sehen sie eilig weg. sie mauern sich ein hinter ihren langen, versteinerten gesichtern, verschränken wehrhaft die arme und geben zu verstehen, nicht gestört werden zu wollen, als wäre jede berührung ein schlag mit der keule.
manchmal erscheint es mir, als sollte einmal ein großer modeschöpfer kommen und panzerrüstungen mit helm und visier zum neuesten trend erklären. er hätte großen erfolg.

Donnerstag, 22. November 2012

blütenlese

so geht es weiter, immer weiter, ich habe keine ruhe vor mir selbst und spüre, daß ich mein eigenes leben verschlinge, daß ich, um für jemanden im raum honig zu spenden, den blütenstaub von meinen schönsten blumen lese, die blumen selbst abreiße und ihre wurzeln zertrample. bin ich nicht wahnsinnig?
anton čechov, die möwe